Jürgen Kuczynski, der sich selbst einen Wissenschaftler "ersten Ranges in der zweiten Klasse" nennt, ist mit neunzig Lebensjahren nicht nur der älteste, sondern auch gegenwärtig der bedeutenste deutsche Wirtschaftshistoriker. Über einhundert Bücher und umfangreiche Broschüren, dazu mehr als 4000 Artikel in Zeitungen und Zeitschriften belegen, daß Kuczynski nicht nur noch immer lebhaft am Zeitgeschehen Anteil nimmt - er hilft, analysierend und mit den Erfahrungen seines langen Lebens urteilend, nach wie vor sehr vielen Menschen, in den gegenwärtigen, schwierigen Zeiten eine Haltung zu finden.
In diesem neuen Band seiner Memoiren berichtet er über die fünf Jahre seit dem Ende der "Mischgesellschaft DDR mit einem sozialistischem Element vor allem in der Sozialpolitik und einem absolutistisch-feudalen Element ohne Basisdemokratie, das sie zugrunde richtete". Kuczynskis Ansichten mögen nicht von jedermann geteilt werden - bedenkens- und diskutierenswert sind sie ohne jeden Zweifel.
Sein Buch gewährt darüber hinaus auch freimütige Einblicke in den Alltag eines hochbetagten Gelehrten. Seine Gewohnheiten, sein unermüdlicher Fleiß, seine Lust am Denken, sein inniges Verhältnis zur Gefährtin eines langen gemeinsamen Lebens, seine Liebe zu Freunden und Gleichgesinnten, seine Auseinandersetzungen und Kontroversen, seine Fehler und Irrtümer - das Tagebuch verschweigt nichts. Es belegt, wie ein Leben sich, trotz vieler Niederlagen, tätig zu vollenden vermag.
1998-01-04